Sonderausgabe der Zeitschrift “Psychology Kurdî” zu COVID-19 erschienen.
2. Juni 2020
Dr. Michael Blume

Dr. Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg

Verschwörungsmythen in Zeiten von Covid-19

Der Schweizer Autor und Sektengründer Ivo Sasek, zunächst ein etwas auffälliger christlich-evangelikaler Prediger, driftete in den letzten Jahren zunehmend in die religiöse Radikalität des Verschwörungsglaubens ab. Als er in Predigten die Züchtigung propagierte und Eltern dazu aufrief, in der Erziehung den Willen ihrer Kinder zu brechen, um sie vor der Versuchung des Bösen zu schützen, geriet er zunehmend in den medialen Fokus. Neben diesen höchst provokativen Thesen verbreitete er Verschwörungsideologen mit eindeutig antisemitischen Zügen. Er behauptete, durch böse Mächte sei eine Reduzierung der Weltbevölkerung auf eine halbe Milliarde Menschen geplant. Als Beleg nahm er Aussagen aus den Protokollen der Weisen von Zion – eine längst erwiesene Fälschung und Hetzschrift, die Jüdinnen und Juden eine Weltverschwörung unterstellt. Saseks autoritäre Vorstellungen von absolutem Gehorsam ist ein gutes Beispiel für den Nährboden, auf dem Antisemitismus und Verschwörungen gedeihen. Denn einerseits sieht Sasek die Gemeinschaft, die ihm folgt und durch rigide Disziplin rein gehalten werden muss – andererseits sieht er die Bedrohung durch das absolut Böse und Abweichende.

Gerade diese extreme und dualistische Perspektive zwischen absolut Gutem und absolut Bösem erlaubt keinen Raum für die Komplexität unserer Welt und blockiert das Nachdenken über die schwierigen – jedoch nicht unlösbaren – Probleme unserer Zeit. Dieses Prinzip erlaubt nur einfache Antworten. Alles Schlechte dieser Welt sei demnach nur auf wenige, absolut böse Superverschwörer zurückzuführen. Diese Verschwörungsmythen münden letzten Endes in einem alt hergebrachten Motiv, um seine Schuldigen auszumachen: dem Märchen von einer jüdischen Verschwörung. Diese einfachen, antisemitischen Feindbilder lassen sich auch heute noch in religiösen und politischen Extremen und der neuen Rechten finden. Seien es Viktor Orbán in Ungarn, Rechtspopulisten in Deutschland oder Vertreter der Partei Recht und Gerechtigkeit in Polen: sie alle sehnen sich nach schnellen Antworten, nach klaren autoritären Leitlinien und sehen in der globalisierten, pluralistischen und offenen Welt den Feind. So wird etwa George Soros, ein auch streitbarer Vertreter einer offenen Gesellschaft, eines Modells, das liberale Werte vertritt und den sachlichen Austausch untereinander fördert, zunehmend zum Sündenbock deklariert. Nicht nur wurde er für die Flucht- und Migrationsbewegungen 2015 verantwortlich gemacht – auch jetzt wird er wieder (neben Bill Gates) zum Superverschwörer hinter dem Ausbruch der Corona-Pandemie erklärt.

Verschwörungsmythen entstehen insbesondere in Gruppen, in denen vorher bereits Ablehnung gegenüber Wissenschaft und Vernunft kursierten. Sie bilden sich in Krisenzeiten, bei denen die Bedrohungslage teilweise diffus und schwer einzuschätzen ist – wie jetzt in der Zeit des Coronavirus zum Beispiel. In der derzeitigen Corona-Krise schlägt nicht nur die Stunde der Wissenschaft, mit täglichen Kommentaren von berühmt gewordenen Virologen, sondern auch leider die der Verschwörungserzählungen: rund um die Pandemie kursieren immer wieder Mythen von Biowaffen, Zwangsimpfungen und bösen Kräften, die die Politik oder andere Eliten beherrschen würden. So bildete sich etwa, wenige Wochen nachdem die übergroße Mehrheit der Bevölkerung eine gewisse Selbstdisziplin zum eigenen und zum Schutz der anderen auferlegte und auf die gebotenen Maßnahmen einging, eine Art Querfront in Form von Anti-Coronavirus-Demonstrationen. Diese sammeln sich regelmäßig in der Öffentlichkeit und verharmlosen die Gefahr der Pandemie. Ein Teil dieser Demonstranten sieht hinter den Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie eine große Verschwörung und wiegt sich in diesen wahrlich unsicheren Zeiten mit vielen ungeklärten Fragen in einer Scheinsicherheit, bei der Georg Soros und Bill Gates die Schuld zugeschrieben wird.

Und nicht selten werden mit dem Coronavirus verbundene Mythen aktuell auch von Freunden oder Familienmitgliedern geteilt – Personen, von denen man das vielleicht nicht erwartet hätte. Diese Verschwörungserzählungen, die die Menschen auf sozialen Medien teilen oder im Gespräch äußern, sind zum Teil ein Wunsch, eine Sicherheit und Klarheit in dieser schwierigen Situation zurückzugewinnen. Im Umgang mit diesen Menschen sind zwei Herangehensweisen wichtig: viele von ihnen wünschen sich gerade jetzt Verständnis von ihren Mitmenschen. Die Suche nach Erklärungen und einfachen Schuldzuweisungen zeigt, wie tief verunsichert manch einer ist. Es hilft hier, mit Betroffenen zu sprechen und ihnen zunächst individuelle Wertschätzung zu zeigen. Gleichzeitig muss man aber auch klarstellen, dass sie sich mit Verschwörungsideologien auf dem falschen Weg befinden. Diejenigen, die Falschnachrichten und Gerüchte teilen, können manchmal mit Darstellungen aus seriösen Medien, beispielsweise der etablierten Tageszeitung, aufgeklärt werden. Auch freut es mich, wenn ich selbst durch meinen Podcast bei der Aufklärung helfen kann. Leider ist es für manche Menschen schon zu spät. Denn wenn sie bereits tief im Glauben an ultimativ böse, verschwörerische Mächte versunken sind, werden sie auch seriöse Medien oder wissenschaftliche Erklärungen kaum überzeugen können. Das ist auch für mich ein bitterer Gedanke, der jedoch leider häufig in meiner tagtäglichen Arbeit bestätigt wird.

Der Kampf gegen Verschwörungsmythen ist gleichzeitig eng verbunden mit dem Kampf gegen Antisemitismus. In meiner Arbeit als Beauftragter gegen Antisemitismus sehe ich jedoch, dass es dabei mehr braucht als eine Abwehr der NS-Vergangenheit und mehr als eine ritualisierte Bestätigung deutscher Schuld an den Verbrechen des Holocaust. Antisemitismus steckt leider bis heute zum Teil im Gewebe unserer Gesellschaft und unserer Psyche. Diese Einsicht kann erschreckend sein – wir dürfen jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass die NS-Vergangenheit tiefe Narben in unserer Kultur hinterlassen hat. Beispielsweise konnte man bis in die 80er Jahre hinein noch Ratgeberbücher zur Kindererziehung finden, deren Autoren bereits in der NS-Zeit gewirkt haben und dort einen herzlosen und harten Umgang mit Kindern propagiert haben. Wer glaubt, dass die NS-Zeit spätestens mit 1968 überwunden war, der irrt also leider. Dabei trifft er nicht nur Jüdinnen und Juden. Der Verschwörungsglaube, der mit dem Antisemitismus eng verwoben ist, kann letztlich alle freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien und deren Vertreterinnen und Vertreter treffen. Der britische Lord Rabbi Jonathan Sacks hat es eindrucksvoll formuliert: „Antisemitism always starts with Jews, but it never ends with Jews.“ – Antisemitismus beginnt immer bei Juden, endet jedoch nie bei ihnen. Die Verfolgungsgeschichte zum Beispiel der europäischen Roma und Sinti oder der kurdischen Eziden bezeugen die Wahrheit dieser Beobachtung. Antisemitismus und Rassismus bedrohen immer die Grundlagen eines demokratischen Rechtsstaates. Aus diesem Problembewusstsein kann letztlich ein Verständnis erwachsen, mit dem wir gemeinsam Hass und Verschwörungsglauben abwehren und unser aller Zukunft gestalten können – eine hoffnungsvolle Zukunft als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger in pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratien.

Denn Demokratien brauchen Kritik, sie leben gar von ihr. Durch das Wegsehen, das Verdrängen dessen, was uns unsicher oder möglicherweise sogar Angst macht, wird der Impuls nur stärker, die einfachen Antworten und Lösungen für unsere komplexe Welt zu finden. Daher ist es nicht nur erlaubt, sondern auch wünschenswert, dass die Notwendigkeit, das Ausmaß sowie die Dauer der getroffenen Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie immer wieder offen und sachlich diskutiert werden. Meine Hoffnung ist, dass wir uns in dieser Auseinandersetzung weiterhin an Tatsachen und Fakten orientieren und nicht an realitätsfernen und menschenfeindlichen Aussagen. Denn so schützen wir neben den Grundwerten unserer Demokratie letztlich auch unsere Mitmenschen und uns selbst.

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