Abschiednehmen und Trauer

Wenn ein geliebter Mensch im Sterben liegt, wollen wir uns von ihm verabschieden. Wir wollen ihm nahe sein und ihn begleiten können.

Der Tod hinterlässt Angehörige meistens traurig, hilflos, ratlos oder verzweifelt. Was dann helfen kann, sind Umarmungen und tröstende Worte, schöne Trauerfeiern, in welchen den Verstorbenen gedacht wird oder ausführliche Gespräche mit Seelsorgenden. Aufgrund der COVID-19 Pandemie ist vieles davon nicht mehr möglich. Gerade in einer Zeit, in der Menschen sich noch mehr als sonst nach Nähe sehnen, ist diese Nähe untersagt. Dennoch sind neue Formen der Trauer und des Abschiednehmens möglich.

Momentan dürfen nur die nächsten Angehörigen an Trauerfeiern teilnehmen (max. 10 – 15 je nach Bundesland). Trauerfeiern sind für viele ein Ort zum Abschiednehmen, der damit für Freunde oder Nachbarn wegbricht. Außerdem wird auf der Trauerfeier das Leben des Verstorbenen wertgeschätzt und erinnert. Es kann das Gefühl entstehen, dass der Verstorbene nun einfach vergessen wird. Besonders schwer ist es für nahe Angehörige des Verstorbenen, die selbst in häuslicher Quarantäne sind und nicht zur Trauerfeier kommen können.

  • Professionelle (Klinik-) Seelsorger*innen, Pfarrer*innen und Trauerbegleiter*innen sind nach wie vor erreichbar.
  • Urnenbeisetzung verschieben auf die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen.
    • Dadurch können mehr Menschen zur Trauerfeier kommen und alle können Abschied nehmen.
    • Problematisch ist, dass die normalen Trauerphasen dadurch unterbrochen werden. Für nahe Angehörige ist die Zeit zwischen Tod und Beerdigung oftmals besonders schwer. Wenn die Beisetzung verschoben wird, kann es sein, dass Sie in dieser Zwischenzeit „gefangen“ bleiben und nicht richtig trauern können.
    • Alternativ kann die Urnenbeisetzung und die Beerdigung durchgeführt werden. Später, zum Beispiel am Jahrestag, kann es dann eine größere Gedenkfeier geben.
  • Indirekte Teilnahme an der Beerdigung.
    • Bekannte und Angehörige, die nicht an der Trauerfeier teilnehmen können, können zum Beispiel Texte, Fürbitten oder Gebete für die Trauerfeier schreiben, die dort vorgelesen werden.
    • Sie können zu Hause zum Zeitpunkt der Trauerfeier eine Kerze anzünden und in Gedanken dabei sein. Vielleicht wird die Ansprache der Trauerrede auch per Mail oder Post an wichtige Menschen aus dem Kreis des Verstorbenen verteilt.
    • Manche Bestatter ermöglichen eine online Audio- oder Videoübertragung der Trauerfeier.
    • Die Friedhöfe sind nicht gesperrt. Menschen können alleine oder zu zweit im Nachhinein kommen und zum Beispiel Blumen ans Grab legen oder dort ein Lied siegen.
  • Beileid bekunden und Trost spenden
    • Briefe, Blumen und andere Beileidsbekundungen können vorbeigebracht oder per Post gesendet werden.
    • Videochats können den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, aber sie ermöglichen es besser, auf die Reaktionen des Trauernden einzugehen und auch schwierige Momente und Momente des Schweigens zu teilen.
  • Den Verstorbenen gedenken
    • Regelmäßige Rituale können helfen mit der Trauer umzugehen.
      Beispiele:

      • Tägliche Erinnerungsmomente zu festen Uhrzeiten, an denen eine Kerze angezündet wird
      • Gebete in einem Gotteshaus (viele Kirchen sind für das persönliche Gebet nach wie vor offen)
    • Oft werden in den Tagen oder Wochen nach dem Tod Erinnerungen über den Verstorbenen geteilt. Dafür können Texte und Fotos gesammelt und an die nächsten Angehörigen versendet werden.
      • Diese können zum Beispiel in einer „Erinnerungsbox“ gesammelt werden.
      • Es kann ein Buch über den Verstorbenen angelegt werden, das im Freundes- und Bekanntenkreis des Verstorbenen weitergereicht wird. Jeder legt darin eine Seite mit Erinnerungen, tröstenden Worten, Gedichten, … an.
      • Dies alles eilt nicht. Es kann auch erst in den Monaten nach dem Tod geschehen. Manche machen es auch erst nach Jahren zum Todestag des Verstorbenen.
    • Online-Trauer- und Gedenkseiten können, wenn gewünscht, zur Erinnerung an den Verstorbenen und für Beileidsbekundungen genutzt werden. Manche Lokalzeitungen haben ebenfalls Online-Gedenkportale.

Trauer ist ein normaler Prozess. Diese Phasen beschreiben, wie Trauer sich entwickelt und wie Angehörige oder Bekannte Trauernde unterstützen können (nach Verena Knast).

  1. Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Der Tod eines Menschen schockiert. Menschen verzweifeln, sind ratlos und wissen nicht mehr weiter. Zunächst kann es nicht erfasst werden, vielleicht wird der Tod sogar geleugnet. Viele Menschen erstarren, sind verstört oder können zunächst keine Gefühle zeigen. Andere geraten komplett außer Kontrolle, brechen zusammen oder werden aggressiv.

Diese Phase kann einige Stunden anhalten oder mehrere Wochen dauern, vor allem dann, wenn Menschen sehr plötzlich gestorben sind.

Was in dieser Phase helfen kann:

  • Alltägliche Besorgungen übernehmen.
    • Unterstützen Sie dort, wo die Trauernden überfordert sind.
    • Gehen Sie zum Beispiel für die Trauernden einkaufen, …
    • Falls Sie das fachliche Wissen haben, bieten Sie Ihre Hilfe bei Regelungen im Zusammenhang mit dem Todesfall an. Gerade sind viele Abläufe anders als sonst. Bieten Sie an, für den Trauernden zu recherchieren wie die aktuellen Regeln und Möglichkeiten sind.
  • Lasen Sie die Trauernden nicht alleine.
    • Auch wenn Umarmungen und räumliche Nähe momentan nicht oder nur eingeschränkt möglich sind, können Sie trotzdem füreinander da sein, Wärme und Mitgefühl vermitteln.
    • Rufen Sie an, machen sie Videokonferenzen, stellen Sie sich mit mehreren Metern Abstand unter den Balkon, …
    • Manche Trauernde wollen nicht reden. Ertragen Sie dann die Stille. Zeigen Sie, dass Sie trotzdem an die Person denken, indem Sie zum Beispiel eine Kerze anzünden oder Blumen ablegen.
  • Alle Gefühle sind o.k. und dürfen zugelassen und gezeigt werden.
  • Bringen Sie Ihre Gefühle dort zum Ausdruck, wo es angebracht erscheint.
  1. Trauerphase: Aufbrechende Emotionen

Nach dem ersten Stock tauchen viele Gefühle auf wie Leid, Schmerz, Wut, Zorn, Freude oder Traurigkeit. Viele Menschen fragen dann nach dem „Warum?“.
„Warum musste es ausgerechnet uns treffen?“, „Womit haben wir das verdient?“ oder sie klagen den Verstorbenen an: „Warum hast du uns im Stich gelassen?“. Die aggressiven Gefühle können sich auch gegen einen selbst richten: „Hätte ich das nicht verhindern können?“. Momentan können viele Menschen nicht mehr zu den Sterbenden, da sie selbst in Quarantäne sind oder das Krankenhaus nicht betreten dürfen. Manche werden sich vorwerfen, die Sterbenden im Stich gelassen zu haben. So entstehen Schuldgefühle, die die Trauernden quälen.

Diese Gefühle helfen, den Schmerz besser zu verarbeiten. Sie sollen nicht unterdrückt werden. Werden die Gefühle bewusst unterdrückt, kann das zu Depressionen führen.

Diese Phase dauert manchmal Wochen, manchmal Monate.

Was in dieser Phase helfen kann:

  • Gefühlsausbrüche zulassen, sie können heilsam sein.
    • Wutausbrüche und Zorn können genauso auftreten wie Niedergeschlagenheit und depressive Stimmungen.
  • Nicht von ungelösten Problemen oder Konflikten ablenken.
    • Ablenken kann zu Verdrängung führen und Verdrängung führt zu einer Verzögerung des Trauerprozesses.
  • Schuldgefühle anhören. Nicht bekräftigen oder ausreden.
    • Falls Schuldgefühle auftreten, weil der Verstorbene am Ende „alleine gelassen“ wurde, erinnern, dass es keine freiwillige Entscheidung war, sondern das die Regeln der Pandemie sind.
  • Weiterhin Da-Sein und Zuhören
  • Anteil nehmen am Erleben und Erinnern des Trauernden.
    • Nicht werten.
    • Halten Sie sich vorerst mit eigenen „Geschichten“ zurück.
  1. Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen

In der Trauer wird gesucht. Es wird der verstorbene Mensch gesucht in gemeinsamen Orten und in der Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse. Vielleicht werden Zwiegespräche mit dem Verstorbenen geführt, um ungeklärte Konflikte zu lösen oder Rat zu holen. Dadurch entsteht eine oftmals schmerzhafte und zugleich schöne Begegnung mit dem Verstorbenen. Erinnerungen werden wieder gefunden und es wird sich von ihnen getrennt. Irgendwann in dieser Phase trifft der Trauernde eine Entscheidung wieder ja zum Leben zu sagen und weiterzuleben oder er wird in der Trauer verharren.

Erinnerungen finden und mit anderen teilen, sie weitergeben kann dem Trauernden helfen. Gleichzeitig kann durch dieses Suchen auch viel Verzweiflung entstehen, weshalb in dieser Phase oftmals suizidale Gedanken auftreten.

Diese Phase kann Wochen, Monate oder Jahre dauern.

Was in dieser Phase helfen kann:

  • Alle Erlebnisse und Erinnerungen dürfen ausgesprochen werden.
    • Hören Sie auch dann zu, wenn Sie die Geschichten schon kennen.
    • Nehmen Sie die Gefühle ernst, die durch diese Erinnerungen auftreten.
  • Geduld und Akzeptanz
    • Bei Neuorientierung unterstützen ohne auf Abschluss der Trauer zu drängen.
  • Kontinuierliche Begleitung bei suizidalen Gedanken.
  • Es gibt Trauer- und Selbsthilfegruppen, an die man den Trauernden vermitteln kann.
  1. Trauerphase: Neuer Selbst- und Weltbezug

Nachdem Sie den Schmerz, die Vorwürfe und die Anklagen ausdrücken konnten, kehrt mit der Zeit die innere Ruhe zurück. Der Tote wird dann seinen Platz gefunden haben.

Die Trauernden erkennen mit der Zeit, dass das Leben weitergeht. Irgendwann können sie neue Pläne schmieden. Der Verstorbene bleibt ein Teil des Lebens, in der Erinnerung und im Gedenken.

Was in dieser Phase helfen kann:

  • Selbstständigkeit des Trauernden unterstützen
  • Neues akzeptieren: Machen Sie dem Hinterbliebenen keine Vorwürfe, wenn er sich nun wieder dem Leben zuwendet, neue Dinge ausprobiert oder neue Menschen kennenlernt.
  • Sensibel bleiben für Rückfälle

Trauer ist ein normaler Prozess und die meisten Menschen, die einen Angehörigen verlieren, durchlaufen die oben beschriebenen Phasen in dieser oder ähnlicher Form. Dennoch bleibt Trauer ein individueller Prozess.

In der Regel klingt die Trauer innerhalb der ersten sechs Monate ab. Später tritt sie gelegentlich wieder mehr auf, zum Beispiel an Jahrestagen oder bei besonderen Ereignissen.

Wenn die Trauer jedoch auch nach sechs Monaten nicht abklingt, besteht Bedarf nach professioneller, psychotherapeutischer Hilfe.

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