Konflikte in der Familie

Das Zusammenleben auf engem Raum, der vorübergehende „Verlust“ persönlicher Kontakte und der Wegfall von Beschäftigungs- und Betreuungsmöglichkeiten setzt viele Familien unter Druck. Nicht selten „entlädt“ sich eine solche angespannte Situation in vermehrten Streits und lauteren Diskussionen. Achtsamkeit und Verständnis für sich selbst und die anderen ist im Moment besonders wichtig.

Meinungsverschiedenheiten und Streits in Familien sind an sich ganz normal und alltäglich. Viele Familien haben in „normalen“ Zeiten gute Strategien entwickelt damit umzugehen. Die aktuellen „organisatorischen“ Herausforderungen und emotionalen Belastungen können jedoch dazu führen, dass die Nerven blank liegen. Bereits kleinere Konflikte verschärfen sich schneller und häufiger.

Anregungen und Strategien:

Sorgen Sie gut für sich und Ihre Kinder.Zunächst einmal ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass die aktuelle Situation eine Ausnahmesituation ist, für alle Beteiligten. Es ist also völlig normal, sich Sorgen zu machen, angespannt oder gestresst zu sein oder schneller „aus der Haut zur fahren“ als sonst. Das gilt für Erwachsene wie auch für Kinder. Geben Sie sich und Ihren Kindern Anerkennung dafür, dass Sie diese Situation aushalten und bestmöglich mit ihr umgehen. Und seien Sie gnädig mit sich und Ihrer Familie, wenn nicht alles „rund“ läuft.Damit sich Sorgen, Anspannung und Stress nicht zu einem Dauerzustand entwickeln, der sich nachhaltig auf die Stimmung in der Familie auswirkt, ist jedoch auch eine gute Selbstfürsorge bzw. Fürsorge für die Kinder erforderlich. Wenn Sie selbst sehr unter Druck oder erschöpft sind, dann sollten Sie sich unbedingt um sich selbst sorgen. Erst dann können Sie auch gut für Ihre Kinder da sein. So wie im Flugzeug immer darauf hingewiesen wird, dass man sich zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufziehen soll, um dann anderen helfen zu können.

Was Ihnen am besten hilft, zu entspannen, Energie zu schöpfen oder innerlich zur Ruhe zu kommen, wissen Sie selbst vermutlich am besten. Für viele Menschen ist das ein Gespräch (bzw. Telefonat) mit einer vertrauten Person, ein Spaziergang in der Natur, das Anhören des Lieblingsliedes oder eine ungestörte „Auszeit“, zum Beispiel mit einer Tasse Kaffee oder Lieblingstee. Wenn möglich, reservieren Sie jeden Tag eine feste Zeit dafür.

Wenn Sie selbst (einigermaßen) ruhig und entspannt sind, dann ist das mit das Wichtigste, was Sie für Ihre Kinder tun können. Hinweise dazu, was Kinder in der aktuellen Situation brauchen, um gut mit dem Stress umgehen zu können, finden Sie hier.

 

Stressige Situationen klären und verändern

Bei manchen Konflikten in der Familie kann es auch hilfreich sein, sich die „organisatorische“ Ebene anzuschauen und sich zunächst zu überlegen:

  • Welche Situationen im Alltag stressen mich denn genau? z.B. ich sollte konzentriert im Homeoffice arbeiten und werde ständig gestört; die Kinder streiten sich so oft und ich muss schlichtend eingreifen; die Wohnung wird immer unordentlicher, …
  • Warum lösen diese Situationen bei mir Stress aus? z.B. mir ist es wichtig, eine gute Arbeit zu machen oder ich habe Angst, sonst meine Stelle zu verlieren; mir ist ein harmonischer Umgang in der Familie wichtig oder mir fehlt im Moment die Kraft, so viele Konflikte zu schlichten, ich brauche etwas Ruhe; ich brauche ein gewisses Maß an Ordnung und Sauberkeit, damit ich mich wohlfühle oder ich wünsche mir, dass nicht der ganze Haushalt an mir hängen bleibt, sondern dass alle sich ein bisschen beteiligen.
  • Was bräuchte ich, damit ich entspannter in dieser Situation wäre? (wichtig: nicht, wie müssten die anderen sich verhalten bzw. ändern), z.B. wenn ich drei Stunden am Tag ungestört arbeiten könnte, dann könnte ich da die wichtigsten Dinge erledigen und es wäre nicht so schlimm, wenn ich danach gestört werde; wenn ich am Tag eine halbe Stunde „Auszeit“ bekomme, in der sich die Kinder für sich beschäftigen, dann könnte ich danach ruhiger mit ihren Streitereien umgehen; wenn zumindest der Boden einmal in der Woche gesaugt ist und Bad und WC geputzt sind und die Kinder hier mithelfen, dann könnte ich es ertragen, dass die anderen Räume etwas unordentlicher sind.
  • Wie könnte das umgesetzt werden? Was bräuchten die anderen dafür? Hier besprechen Sie Ihre Bedürfnisse mit dem/den anderen und verhandeln darüber, inwiefern das umgesetzt werden könnte.

 

Bedürfnisse herausfinden und im Alltag berücksichtigen

Möglicherweise sind auch Ihre Kinder gestresst, weil sie ihre Bedürfnisse nicht gut erfüllen können. Vielleicht vermissen sie ihre Freundinnen und Freunde. Vielleicht fehlt ihnen Bewegung oder eine abwechslungsreiche Beschäftigung.

Fragen Sie nach und hören Sie achtsam zu, wie es ihren Kindern geht. Fragen Sie, was gut ist, was nicht so gut ist und was sie brauchen bzw. sie wünschen.

Um Konflikte im Alltag zu verringern, kann ein Zeitplan sehr hilfreich sein, der den Tag strukturiert. Bei der Planung sollten die Bedürfnisse aller (zum Beispiel Zeit für sich, gemeinsame Zeit, wer darf wann welche Medien nutzen, wer darf wann welchen Raum nutzen) verhandelt und berücksichtigt werden.

 

Positive Momente vermehren

Stress innerhalb der Familie kann nicht nur verringert werden, wenn das, was stresst, verringert wird. Es hilft auch, wenn das, was guttut und entspannt, vermehrt wird.

Vielleicht finden Sie Zeit für gemeinsame Spaziergänge und Gespräche, kochen einmal in der Woche ein Lieblingsessen oder schreiben sich liebe Botschaften auf den Badspiegel. Seien Sie ruhig kreativ. Pflegen Sie auch positive, tägliche Rituale. Beispiele dafür sind: die gemeinsame Gute-Nacht-Geschichte, ein gemeinsamer heißer Kakao, Tee oder Obstteller am Nachmittag, ein täglicher Rundgang durch den Garten, Lieblingsmusik und gemeinsames Tanzen am Morgen oder was auch immer zu Ihrer Familie passt.

 

Hilfe- und Unterstützungsangebote

Wünschen Sie sich oder brauchen Sie hierzu weitergehende Unterstützung, dann stehen folgende Angebote auch in „Corona-Zeiten“ zur Verfügung:

  • TelefonSeelsorge: 0800/ 111 0 111 oder 0800/ 111 0 222
    Das Angebot der TelefonSeelsorge steht rund um die Uhr zur Verfügung und ist für jeden da, unabhängig von der Art der Sorge, von Alter, Geschlecht, Religion, etc. Die Beratung erfolgt anonym und ist kostenfrei. Neben der telefonischen Beratung bietet die TelefonSeelsorge auch eine Mailberatung und eine Chatberatung an. Infos und Zugang dazu gibt es auf der Internetseite der Telefonseelsorge.
  • Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“: 0800/ 111 0 550
    Das Elterntelefon des Vereins „Nummer gegen Kummer“ bietet telefonische Beratung zu Fragen rund um die Erziehung von Kindern und Jugendlichen an. Die Beratung ist anonym und kostenfrei und montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr erreichbar. Infos gibt es auf der Internetseite ‘Nummer gegen Kummer‘.
  • Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“: 116 111
    Auch für Kinder und Jugendliche jeden Alters gibt es ein telefonisches Beratungsangebot vom Verein „Nummer gegen Kummer“. Das kostenlose und anonyme Gesprächsangebot ist montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr sowie montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr erreichbar. Hier gibt es zusätzlich ein Online-Beratungsangebot. Infos gibt es ebenfalls auf der Internetseite ‘Nummer gegen Kummer‘.

Weitere Hilfeangebote für Kinder und Jugendliche sind auf der Website “Corona und Du” zusammengestellt.

Trotz bester Vorsätze kann es passieren, dass ein Streit sich verschärft. Als Elternteil wird man vielleicht lauter und verletzender, als man eigentlich wollte. Oder dass sogar mal die „Hand ausrutscht“. Erhöhter Druck, Stress und Sorgen, wie in der aktuellen Situation, können ein Grund dafür sein, dass dies häufiger bzw. heftiger vorkommt, als zu „normalen“ Zeiten.

 

Übernehmen Sie Verantwortung!

Geschieht eine solche Eskalation in Ausnahmesituationen und haben Sie ansonsten eine gute Beziehung zu Ihrem Kind, dann wird es das vermutlich „verkraften“ können. Entschuldigen Sie sich aber auf jeden Fall zeitnah bei ihm. Erklären Sie ihm, dass es selbst keine Verantwortung dafür trägt. Erklären Sie ihm, dass Sie im Moment unter Druck stehen etc. und nicht immer so reagieren können, wie Sie gerne wollten. In der Regel können auch kleinere Kinder das schon gut verstehen und annehmen.

Kommt es häufiger zu Eskalationen, dann besteht die Gefahr, dass die Eltern-Kind-Beziehung dauerhaft belastet wird. Es kann zu einer Spirale der Verschärfung kommen, bei der die Auseinandersetzungen mit der Zeit immer heftiger werden. Eine Versöhnung wird dann immer schwieriger. In diesem Fall ist es empfehlenswert, sich professionelle Unterstützung zu suchen.

Ein kostenfreies, anonymes Telefongespräch mit einer Beratungsstelle kann ein wichtiger Schritt sein (Kontakte s. Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten).

Wichtig ist: auch wenn das Kind sich „provozierend“ verhält, die Verantwortung für Ihre Reaktion und für eine gute Klärung des Konflikts liegt immer bei Ihnen als Elternteil. „Provozierendes“ Verhalten ist meistens ein Ausdruck dafür, dass für das Kind etwas „nicht stimmt“, dass ein oder mehrere Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Und denken Sie daran, dass die aktuelle Situation ja auch für das Kind belastend sein kann.

 

Notfallstrategien – „Ausstieg“ finden in brenzligen Situationen

Wenn Sie merken, dass Sie leicht reizbar und auf die Palme zu bringen sind, dann legen Sie sich eine „Notfallstrategie“ zurecht. Das ist eine „Ausstiegsmöglichkeit“ in Stress- oder Streitsituationen, die verhindert, dass Sie Dinge sagen oder tun, die Sie später bereuen.

Entscheiden Sie für sich selbst, was Ihnen hier am besten hilft. Für viele ist es hilfreich, Abstand zu schaffen, räumlich und innerlich. Sie verlassen zum Beispiel zwischenzeitlich das Zimmer. Wenn das Kind hinterherkommen will, kann es helfen, sich gegen die Tür zu setzen. Auch mehrmals tief ein- und ausatmen oder innerlich auf 10 zählen kann helfen, sich zu beruhigen. Ebenso das Kauen von drei oder vier Kaugummis gleichzeitig. Oder vielleicht auch die Wand anzuschreien.

Geben Sie sich und dem Kind Zeit, bis die Wut abgeflacht ist. Dann kann oft ein klärendes Gespräch stattfinden. Sagen Sie Ihrem Kind auch, dass der Streit nichts damit zu tun hat, dass Sie es liebhaben.

Um Anspannung, Wut und Aggressionen abzubauen, hilft auch Bewegung. Vielleicht haben Sie ja die Möglichkeit, raus zu gehen.

 

Hilfe- und Unterstützungsangebote

Weitere Unterstützung und Gesprächsmöglichkeiten stehen auch in „Corona-Zeiten“ für Sie zur Verfügung:

  • Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“: 0800/ 111 0 550Das Elterntelefon des Vereins „Nummer gegen Kummer“ bietet telefonische Beratung zu Fragen rund um die Erziehung von Kindern und Jugendlichen an, auch Konfliktsituationen und Möglichkeiten, damit umzugehen, können Sie hier besprechen. Die Beratung ist anonym und kostenfrei und montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr erreichbar.Infos gibt es auf der Internetseite ‘Nummer gegen Kummer‘.
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